STIMMEN ZUR KUNST

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  • AUFGERIEBEN ZWISCHEN BILD UND WORT -  Die mit den Bildern tanzt und mit den Worten spielt 

von Gerd Meiser

Barbara Lipinska ist eine sehr interessante Frau, eine Pendlerin zwischen einer musischen und einer realen Welt. Sie ist vertraut mit den Klangformen der Farben und mit dem vielseitigen Spiel der Sprache. Sie webt ihre inneren Landschaften und bringt sie nach außen, in das nüchternde Umfeld. Sie lebt mit bewegten und verharrenden Bildern. Wenn sie ihre musische Welt verläßt , tritt sie in die realistische mit etwas Feenstaub behaftet. Die Warschauerin (...) stellte sich nun im Café Kanne einem kritischen Publikum, dem sie etwas preisgab  von ihrer musischen Ebene. Sie erzählte den Zuhörern und Betrachtern, wie die Bilder entstehen. "Das ist wie in einem Halbschlaf", sagte sie im Gespräch, "manchmal wehrt sich das Bild, doch manchmal ist es auch wie ein Tanz, wie ein Dialog." Fast aufgerieben wird sie zwischen Bild und Wort. Denn auch die Sprache fasziniert die Polin, die sehr zarte, einfühlsame Gedichte in deutscher Sprache zu ihren ebenso empfindsamen Bildern schreibt. (...)

Barbara Lipinska will ihre Stimmungen vermitteln, sie "teilen mit den Zuhörern und Betrachtern"."Ich will mich nicht hermetisch abschließen. Ich will mich verständigen", sagt sie. Oft ist ihre Freundlichkeit, auch ihr Humor, in den Bildern zu erkennen, dann aber auch polnische Melancholie, weniger Heimweh.(...)

Barbara Lipinska gehört zu den eindrucksvollsten Künstler-Persönlichkeiten, die bislang in der Kanne ausgestellt haben. Demnächst ist die 100. Ausstellung.

Aus der Saarbrücker Zeitung 02. April 2003 zur Ausstellung "SIcht-Bar" in der Café Kanne / Neunkirchen (Saar) 2003 (Auszüge)

http://www.cafe-kanne-im-hofgut.de/

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  • ACHSENSPRÜNGE

von Dr. Bina Elisabeth Mohn

Anfang der 90er Jahre las ich in einer Gütersloher Lokalzeitung einen Bericht über die Filmregisseurin Barbara Lipinska. Sie hatte gerade den deutschen Kurzfilmpreis in Silber gewonnen. Ich wurde neugierig und traf dann bald auf diese Frau, die nichts mit ostwestfälischer Provinz zu tun hatte. Mit ihr kann man in unendliche Fernen abschweifen und sich dabei näher kommen.

Barbara Lipinska schreibt über sich selbst: „Ich trage die polnisch-deutsche Grenze in mir, spüre sie jedes Mal, wenn ich mit dem Nachtzug die Staatsgrenze überschreite: Jedes Mal überbrücke ich ein inneres Niemandsland und es kostet Kraft. Die Grenze spaltet und bereichert mich zugleich. Sie tut weh und beglückt, weil ich mich erweitere.In Polen habe ich meine Urbilder, meine Eltern, meine alte Sprache, meine Wurzeln. In Deutschland habe ich die Liebe, die Mutterschaft, die wichtigsten Freundschaften, die Freuden der Kreativität erlebt. Hier entwickle ich neue Bilder, spreche eine neue Sprache, hier wächst meine Tochter auf."(...)

Heute begegnet uns Barbara Lipinska als bildende Künstlerin, nicht ohne Anspielungen aufs Filmemachen. Gedichte liegen auf kleinen Handzetteln aus, stehen Ihnen zur Verfügung um die Bilder mit Texten über Blicke und Farben zu konfrontieren, ums sich „eine Tonspur“ zur Ausstellung zu bauen.

Entstehen diese Bilder beim Malen? Oder existieren sie schon vorher, im Kopf? Barbara Lipinska antwortet - ganz Regisseurin -  beinahe entschuldigend: „Ehrlich gesagt entstehen sie beim Malen. Es wäre der Idealfall, sie vorher gesehen zu haben, aber ich habe nur eine vage Vision.“ Hier passiert also was anderes als bei der Filmregie.

Beim Filmen arbeitet sie im Team, lernt Menschen kennen und versucht, möglichst viel über den entstehenden Film schon vorab zu wissen. Beim Malen ist sie ganz für sich, erweitert sich im Umgang mit Formen und Farben. Das Malen wird dennoch zu einer Quelle an Dialogmöglichkeiten. Bilder werden zum Leben und bei sich selbst etwas ins Rollen gebracht. Wenn sie spät abends malt, tauchen innere Bilder aus entfernten Zeiten auf, wie im Halbschlaf, bei dem sie dennoch konzentriert den Pinsel bewegt. Ihre Bilder entstehen in der Beziehung zum Material und bauen gleichzeitig lesbare Geschichten, die sich im Hintergrund der malerischen Fläche abspielen.

Die neueren Bilder umschreibt Barbara Lipinska mit „Achsensprüngen“, ein Ausdruck aus dem Filmschaffen. Ein Achsensprung im Film kann beim Betrachter Desorientierung auslösen, indem beim Schnitt die bisherige Handlungs- oder Blickachse übersprungen wird. Die Anordnung der Akteure im Bildausschnitt scheint sich relativ zum Betrachter zu verändern. Daher wird im Film der Achsensprung vermieden, wird als ein Fehler gesehen, weil die Kontinuität der Erzählung gestört wird. Es entsteht eine Informationslücke. 

Das Leben verläuft nicht kontinuierlich, wie in einem Drehbuch. Im Leben haben wir laufend mit Desorientierung und Irritation zu tun. Es fehlen uns oft auch Informationen, um richtige Entscheidungen treffen zu können. Barbara Lipinska erläuterte mir im Gespräch: Wir machen „Achsensprünge“ in unserem Handeln. Es ist deshalb gut, das eigene Leben (die eigene Handlungsachse) aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und zu akzeptieren, dass – anders als im Film – das „sowohl als auch“, gleichzeitig- oder hintereinander durchaus lebbar wird. Gegensätze treffen sich, die Logik scheint gestört. Aber gerade das macht das Leben spannend und erlaubt uns, aus den Möglichkeiten zu wählen. Auch wenn es aus der Sicht eines Drehbuches „dramaturgische Fehler“ sind.

Wir sind eingeladen durch Barbara Lipinska’s Bilder zwei verschiedene Räume zu betreten, wobei jeder der beiden Spuren des anderen enthält. Polen und Deutschland. Gestern und Morgen vielleicht. Blau und Gelb. Mehr Blau.

Doch Gelb wird zunehmend zugelassen, die Lieblingsfarbe ihrer Kindheit, die Farbe ihrer neuen Liebe. Barbara erzählt mir von der Anwesenheit eines Menschen, der aus dem Gelb kommt, der ihr dieses Gelb reinmischt, dass sie wieder erkennt. Sonniges fassbares Erdreich und unendliche Tiefen. Sowohl als auch.Barbara Lipinska spricht von Ihrem „ inneren Grenzverkehr“. Grenzen und Ebenen werden lebendig, spielen Kurve und Zick-Zack, dürfen bleiben, können verschwinden. Zeitachsensprünge zwischen den Zeiten in Polen oder Deutschland und den grenzenlosen Momenten.

Neben der Zweifarbigkeit fällt eine Strukturierung der Bilder auf in eine Waagerechte und eine Senkrechte. Eine Zeitachse, die Vergangenheit und Gegenwart unterscheidet, eine weitere die wie eine Wirbelsäule, senkrecht sich ausbalanciert zwischen geerdet und beflügelt, die Halt gibt. Barbara Lipinska ist doppelt geerdet in doppelter Nähe und doppelter Ferne. Dazwischen Elemente, die zwischen beidem herumturnen, oder sich autonom verhalten.

Als Besucher dieser Ausstellung und Betrachter der Bilder können unsere Perspektiven wechseln, wir bewegen uns im Raum, gehen auf Blickwanderung. Gedankensprünge und Sichtachsenwechsel in Eigenverantwortung. Neben uns die Blickachsen der Mitbetrachtenden, leise und unsichtbar sich kreuzend, ohne sich zu stören, verborgen anwesend. Ein unaufdringliches Gesprächsangebot über Bilder und Achsensprünge.

Bildern kann man sich nähern, kann über sie reden, kann durch sie hindurch sehen, sich auf der Oberfläche aufhalten, sie umkreisen. Bilder sind auch ein Ausgangspunkt, sich von ihnen zu entfernen, abzuschweifen in eigene Assoziationen und Empfindungen, wieder zurückzukehren zum Bild und zum Dialog mit der Künstlerin und ihren Darstellungen. Vom Bild ausgehen, ins Bild hineingehen, Annäherungen und Entfernungen, ein Sowohl-als-auch des Betrachtens. Es gibt nie nur eine Sicht der Dinge, schon gar nicht die eine Richtige. Wozu ist Kunst da, wenn sie es nicht vermag, Kommunikation auszulösen?

Nutzen wir also die Chance, die Bilder von Barbara Lipinska nicht alleine zu betrachten.

Aus der Einführung in die Ausstellung "Achsensprünge" in der Galerie Köster und Schuch / Linz am Rhein  / 2003

Dr. Bina Elisabeth Mohn          Kameraethnographin - Autorin - Dozentin                 www.kamera-ethnographie.de